Kinder haben ein Recht auf Wohlergehen. Doch nicht alle achten es. So kommt es, dass weltweit jährlich 220 Millionen Mädchen und Jungen sexuell missbraucht werden (Quelle: Unicef). „Eine besonders verletzende Form von Ausnutzung“, findet Frederic Vobbe. Der Diplom-Sozialarbeiter setzt sich gemeinsam mit Ursula Enders, Leiterin von Zartbitter, gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen ein.
In einem Interview sprechen Vobbe und Enders über missbrauchtes Vertrauen, Mängel der Justiz und die Einforderung von Kinderrechten.
Kim Ly Lam: Herr Vobbe, was genau tut Zartbitter?
Frederic Vobbe: Als Informations- und Kontaktstelle nehmen wir Anfragen entgegen. Beispielsweise berät Zartbitter besorgte Eltern oder Pädagoginnen und Pädagogen, die einen sexuellen Missbrauch in ihrem Umkreis vermuten. Auch Kindertagesstätten, Vereine und Heime informieren sich bei uns.  Zudem bilden wir Einrichtungen und pädagogische Fachkräfte aus, die sich mit dem Kinderschutz befassen. Es ist uns wichtig, dass es Menschen gibt, die sich mit dem Thema genau auseinandersetzen.
Lam: Gibt es denn in Deutschland genug Experten?
Ursula Enders: Derzeit haben sich vor allem in großen Städten Fachstellen gegen sexuellen Missbrauch eingerichtet. Diese sind jedoch nur zum Teil finanziell abgesichert. Auf dem Land wiederum können sich Kinder kaum Hilfe holen. Auch in der Justiz befinden sich nicht genug Spezialisten. Gerichte missachten gewisse Richtlinien des Opferschutzes, weil sich die Richter nicht ausreichend mit diesen befasst haben.
Vobbe: Sicherlich wären weitere Fortbildungen für die Polizei im Sinne des Opferschutzes ebenfalls sinnvoll.
Lam: Was ist einer der wichtigsten Faktoren im Kampf gegen sexuellen Missbrauch?
Vobbe: Eine Zufluchtsstelle, wo sich Mädchen und Jungen Hilfe holen können, wird immer benötigt. Deshalb sind die Absicherung und der Ausbau des Beratungsnetzes gegen sexuellen Missbrauch von großer Bedeutung. Auch die Öffentlichkeit zu diesem Tabu-Thema muss hergestellt werden. Zartbitter geht dafür auf Institutionen wie Schulen zu und versorgt sie mit Info-Material und Broschüren. Auf unserer Homepage können sich Interessierte zudem Tipps und Anregungen einholen. Wir versuchen, Kinder und Erwachsene auf allen Wegen zu erreichen.
Lam: Was würden Sie Kindern zum Schutz gegen sexuelle Gewalt raten?
Vobbe: Mädchen und Jungen müssen von klein auf über ihre Rechte informiert werden. Keine Person, egal ob fremd oder vertraut, darf die persönlichen Grenzen von Mädchen und Jungen verletzen. Hilfe Holen ist deshalb kein Petzen oder Verrat, sondern das Recht aller Mädchen und Jungen.
Genauso wichtig ist es, dass Erwachsene, besonders wenn sie beruflich mit Kindern arbeiten, für den Schutz dieser Rechte einstehen. Einem Mädchen oder Jungen nützt es nämlich wenig, die eigenen Rechte zu kennen, wenn sich keiner dafür einsetzt, diese zu verwirklichen.
Lam: Gibt es ein bestimmtes Umfeld, wo sexuelle Übergriffe besonders häufig vorkommen?
Vobbe: Laut Statistik kommen Täter meist aus dem sozialen Nahraum, nicht selten sind es Familienangehörige. Doch auch Freunde, ferne Bekannte und Mitarbeiter in Institutionen versuchen, sich das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen zu erschleichen. Für das Opfer ist es dann umso schwieriger, Hilfe zu holen. Denn manchmal fällt es selbst Freunden und Eltern schwer, betroffenen Mädchen und Jungen zu glauben. In den letzten Jahren hat sich die Situation aber zum Glück verbessert. Immer mehr Menschen hören den Kindern und Jugendlichen zu und unterstützen sie.
Enders: Zartbitter setzt sich seit Längerem dafür ein, dass Schulen und Vereine einen Fragebogen einführen. In diesem sollen Mädchen und Jungen schildern, ob sie sich während der Schulzeit oder auf einer Ferienfreizeit bedroht oder belästigt gefühlt haben. Dadurch können zukünftige Vorfälle verhindert werden. Gerade Schulabgänger oder Neulinge decken sexuellen Missbrauch auf. Schüler, die in einer festen Clique etabliert sind, fällt dies schwerer.
Lam: Wie können Familie und Freunde dem Opfer am besten helfen?
Vobbe: Wenn ein Kind sexuell missbraucht wurde, ist eine schnelle Hilfe wichtig. Allerdings sollten die Personen möglichst ruhig bleiben und dem Mädchen oder Jungen Glauben schenken. Kinder dürfen auf keinen Fall mit belastenden Fragen gelöchert werden. Stattdessen hilft es vielmehr, ihm oder ihr zu bestätigen, dass es mutig ist, sich Hilfe zu holen.
Außerdem sollten Familie und Freunde umgehend Beratung bei erfahrenen Fachleuten einholen. Überstürzte Kurzschluss-Reaktionen helfen betroffenen Mädchen und Jungen nämlich nicht. Wenn sie aber erleben, dass vertraute Menschen zu ihnen halten, können lebenslange Folgen verhindert werden. Das Gefühl „Mir wird geholfen – ich bin nicht allein“ Ist die beste Hilfe, um sexuellen Missbrauch zu verarbeiten.
Dieser Beitrag wurde am Freitag, den 14. September 2012 um 07:19 Uhr veröffentlicht und unter der Kategorie Allgemein, Kinderrechte angelegt. Die Kommentare zu diesen Beitrag können durch den RSS 2.0 Feed verfolgt werden.

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