Hintergrund:
1994 war ein finsteres Jahr für die Bürger Ruandas. Am 7. April begann ein Völkermord in dem ostafrikanischen Land, ausgelöst von dem Tod des damaligen Präsidenten Juvenal Habyarimana. In sämtlichen ruandischen Medien fing eine Hetzkampagne gegen die soziale Minderheit der Tutsis an. Denn die Tutsis seien für den Anschlag an Habyarimana verantwortlich gewesen, so der Konsens der Hutus. Die soziale Mehrheit rief dazu auf, sämtliche Tutsis „auszurotten“. Eine unmenschliche Forderung, der viele Bürger nachgingen. Das Massaker in Ruanda gilt bis heute noch als der „effektivste Völkermord“ in der Geschichte der Menschheit. Nirgendwo sonst wurden innerhalb nur drei Monate geschätzte 800.000 Menschen getötet. Die internationale Gemeinde griff nicht ein.
Elisabeth Kaneza war noch ein Kind, als das Leben um sie herum zusammenfiel. Und sie erlebte Dinge, die ein Kind nie erleben sollte. In einem Gespräch erzählt sie von ihren Erinnerungen und Eindrücken und schildert die Gefühle, die sie als Kriegskind empfand.
-Ein Porträt.
„Es ist die eine Sache, in Lebensgefahr zu schweben. Aber seinem mutmaßlichen Mörder dabei in die Augen zuschauen – “, beginnt Elisabeth Kaneza und bricht ab. Nicht weil ihre Stimme beim Gedanken daran versagt. Auch nicht, um eine dramatische Pause einzulegen. Kaneza bricht ab, um nachzudenken, Worte zu finden, die das Unbeschreibliche beschreiben. Erinnerungen an ein Land, das seine Identität in einem Völkermord verlor. „Es war diese Nüchternheit. Da sitzt du, dem Tod so nahe, und doch sind die Wachposten ruhig. Winken die Tutsis zur Seite, als ob sie Ware aussortieren würden.“
Kaneza spricht von den Straßensperren während des Genozids 1994 in Ruanda. Überall hatte die Regierung Barrikaden errichten lassen, an denen die Bürger angehalten wurden. Die Kontrolleure mussten die Pässe überprüfen, in denen die ethnische Zugehörigkeit gedruckt stand. „Wer Hutu war, durfte passieren. Tutsis mussten aussteigen und den Wachposten folgen. Hinter der Barrikade wurden sie mit der Machete niedergemetzelt.“ Die damals Siebenjährige hatte die Sperre überlebt. Vergessen hat sie das Erlebnis dennoch nicht. „Das Schlimmste war, nicht zu wissen, was los ist“, erklärt Kaneza. Als Kind seien ihre Eltern der Fixpunkt ihres Lebens gewesen. Sie so ungewiss und sprachlos zu sehen, habe ihr den Halt genommen. Kaneza stößt ihre Gabel in das Tortenstück, eine kleine Mahlzeit, die sie sich vor der Weiterreise gönnt.
“Das Schlimmste war, nicht zu wissen, was los ist.”
Mittlerweile scheint Elisabeth Kaneza ihren Halt wiedergefunden zu haben. Sie wirkt selbstbewusst, hat ihr geflochtenes Haar zu einem hohen Zopf zusammengebunden und trägt High Heels, in denen sie aufrecht stolziert. Einen „friedensliebenden Menschen“ beschreibt sie sich. Der Völkermord habe ihren Gerechtigkeitssinn ausgeprägt. Doch der Weg dahin sei ihr nicht leicht gefallen. „Der erste große Schritt war, meinem Land zu vergeben“, erzählt die 24-Jährige und streckt dabei den Zeigefinger in die Luft.
“Der erste große Schritt war, meinem Land zu vergeben”
Ein Land, dessen soziale Konflikte nicht einmal vor den Kindern haltgemacht haben. Auch sie standen auf der Fahndungsliste. „Wir Kinder konnten die Unruhen nicht benennen. Aber wir konnten sie spüren.“ Viele Bilder würde Kaneza nicht vergessen, ihren Onkel im Hof, mit blutigen Schusswunden durchlöchert, die drei Soldaten, die in ihrem Haus das Bier tranken und vergaßen, weshalb sie gekommen waren. „Es ist ein Trauma, dass die Kinder mit sich schleppen. Und das ein hohes Potenzial hat, um zukünftige Konflikte auszulösen.“
Um so wichtiger sei es, seine Zeit den traumatisierten Kindern zu widmen. Diese Kinder könnten zwar schnell abrutschen. Aber sie könnten ebenso schnell von Rachegelüsten befreit werden. „Für mich waren alle Menschen gleich. Meine Eltern nannten die Täter nie Hutus, ich kannte sie nur unter dem Begriff ‚böse Menschen‘“, erinnert sich Kaneza und kaut bedächtlich auf dem aufgeweichten Biskuitboden der Quarktorte. Rassismus sei bei den Kindern noch nicht so fest verankert. Verzeihen darum einfacher.
Man müsse die Kinder dafür allerdings in Flüchtlingslagern betreuen und ihnen ihre Fragen beantworten – zumal die ebenfalls traumatisierten Eltern dazu nicht in der Lage wären. Bevor jemand ihre Verwirrung nutzen und sie manipulieren würde. „Diese Kinder brauchen eine Schule und jemanden der sich ihnen annimmt“, fordert Kaneza und gestikuliert dabei mit den Händen. Die Wiederherstellung des Alltags bedeute auch ein Stück Kindheit. Sie selbst hatte damals keinen Therapeuten gehabt. Buntstifte und Papier waren ihre Therapie gewesen, die rote Farbe wurde am Häufigsten benutzt. „Viel Krieg und viel Blut“, erzählt sie, als ich sie nach den Bildinhalten frage.
“Alltag bedeutet auch ein Stück Kindheit”
Als Kaneza 2008 zum ersten Mal wieder ihr Heimatland betrat, war sie noch sehr verunsichert gewesen. „Es war mir unklar, wie es sich anfühlen würde und ob ich es verkraften könnte“, erklärt sie und lässt ihren Blick schweifen. Seit dem fliege sie jedes Jahr dahin. Das Haus der Oma mit den blühenden Blumen habe ihr Vertrauen wiedergewonnen, der Anblick ihrer alten Schule und das Wiedersehen der überlebenden Freunde. Heute studiert Elisabeth Kaneza Conflict Management und unterstützt in der Organisation Ruanda Connection den Wiederaufbau eines vereinten Ruandas. Sie wirkt entschlossen. Wenn man sie fragt, ob ihre Familie den Tutsis oder den Hutus angehört, ist ihre Antwort klar. „Ich bin Ruanderin“, sagt sie und zupft ihren Blazer zurecht.
Dieser Beitrag wurde am Montag, den 13. August 2012 um 10:41 Uhr veröffentlicht und unter der Kategorie Allgemein, Kinder im Krieg angelegt. Die Kommentare zu diesen Beitrag können durch den RSS 2.0 Feed verfolgt werden.

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