Partizipation in der Eishöhle

21520_1903622.jpgFrüh, um sechs am Samstagmorgen,  sind wir zum Flughafen Köln-Bonn gefahren, um unseren Flug nach Berlin-Tegel anzutreten. Recht „business-mäßig“ kamen wir uns vor, wie wir so fein gemacht mit unseren kleinen schwarzen Trollis durch den automatischen Gateway eincheckten und mit bester Laune ins Flugzeug stiegen.

In Berlin angekommen machten wir es uns in unserem kleinen Apartment gemütlich und fingen an, unsere Argumente und Thesen noch einmal auszuarbeiten und Stoffhund Stoffel alias Frau Merkel vorzutragen. Sonntagvormittag stand dann das Treffen mit Alex an. Wir trafen uns im Café Einstein und  arbeiteten bei viel Kaffee und nach dreistündiger Diskussion, endlosem Hin und Her, verzweifeltem Haare raufen sowie tausend von Änderungen endlich unser fertiges Konzept aus. Ziemlich ausgelaugt, mit vollen Köpfen, aber dennoch glücklich hielten wir nun das Stück Papier in den Händen, das so ziemlich alle unserer wichtigsten Punkte enthielt und die restlichen Fragen abklärte. Ein großer Schritt war getan und wir waren uns sicher, jetzt konnte nichts mehr schief gehen!

Montagmorgen. 11 Uhr.  Da sind wir also, auf der kleinen Couchgarnitur im Bundeskanzleramt und warten. Die futuristische, in blau gehaltene Empfangshalle erinnerte ein bisschen an das Innere einer überdimensionalen Eishöhle. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach und die gemischten Gefühle stehen uns förmlich auf den Gesichtern geschrieben. Eine Mischung aus Freunde, Aufregung und  Verunsicherung. Wird schon werden. Warten unter solchen Umständen kann ganz schön anstrengend sein, glaubt mir! Wir waren hier, weil wir etwas erreichen wollten. Politikern zeigen, dass Jugendliche wirklich gute Ideen für eine bessere Welt haben, die gehört und umgesetzt werden müssen!
 
Um mich etwas abzulenken, greife ich mir die Zeitung vom Tisch nebenan. Prompt schlage ich den Wirtschaftsteil auf. Finanzkrise. Zaghaft werfe ich einen Blick rein. Schadet bestimmt nicht. Es dreht sich ums neue Konjunkturpaket. Soweit komme ich mit. Als es jedoch mit Nachtragshaushalten und Ifo-Geschäftsklimaindex weitergeht, komme ich mir doch recht ratlos vor. Warum muss man manche Fakten so verdammt kompliziert ausdrücken? Hat man da, als normaler Jugendlicher, der sich nicht unbedingt in seiner Freizeit schwer ins Thema eingearbeitet hat, überhaupt noch die Möglichkeit, das Weltgeschehen auf diesem Gebiet zu verfolgen? Sind solche Fremdwörter nicht eher sehr abschreckend? Und ist es da überhaupt ein Wunder, dass politisches Interesse unter solchen Umständen sinkt?

Politik. Seien wir doch ehrlich, die meisten von uns verbinden mit dem Begriff eher Erwachsene 40 +, die im Anzug verpackt, trockene Reden im Kanzleramt halten, von denen man kaum die Hälfte versteht. Dabei steckt hinter Politik noch so viel mehr! Und wir können teilnehmen. Jugendpartizipation! Ein Thema, dass uns sehr wichtig ist und das wir vor Frau Merkel ansprechen wollen. Denn grade als junger Mensch sollte man sich für das Weltgeschehen interessieren und die Chance nutzen, politisch mitzuwirken. Denn schließlich ist es unsere Zukunft und unsere Welt, die wir achten und mitgestalten sollten! Besonders zurzeit, in der es nur so von neuen Katastrophenprophezeiungen hagelt.

Mit dem modernen Fahrstuhl fahren wir nach oben. Im siebten Stockwerk angekommen, deponieren wir unsere Taschen und Mäntel in der Garderobe und werden für das geplante Foto ins Zentrum der Etage geführt. Es liegt eine gewisse Spannung in der Luft: Aufregung, Vorfreude, Angst?

Frau Merkel kommt auf uns zu und begrüßt uns freundlich mit einem kräftigen Händedruck. Unser Team hat gerade die Möglichkeit, die mächtigste Frau aus Deutschland kennen zu lernen!!!! Vor einer Woche noch haben wir im Fernsehen ihre Forderungen mit verfolgt, jetzt steht sie hier vor uns und will unseren Forderungen Gehör geben.

Wir gehen sofort zum Foto-Termin über. So schnell wie der Auslöser von der Kamera klickt, so schnell kann ich gar nicht realisieren was ich gerade mache. Bestimmt ein ziemlich dämliches Gesicht, aber das ist mir in dem Moment egal. Als wir dann zusammen im Besprechungsraum sitzen, jeder von uns dreien das Konzept vor sich, werden wir nochmals von Frau Merkel begrüßt, die uns so die lange eingeprobte Einleitung abnimmt. Wir plaudern über das japanische Essen und die Kultur dieses Landes, als ich, vielleicht etwas direkt, auffordere doch zu unserem ersten Thema Klimawandel überzugehen. Denn in erster Linie sind wir hier, um unsere Gemeinschaft Junior8 zu vertreten und die Statements, Ideen und Forderungen zu vermitteln. Das war es, was wir uns alle vorgenommen hatten: nach dem Gipfel, an welchem es uns zeitlich nicht möglich war, mit den Politikern zu diskutieren, sich nochmal an unsere Regierungschefs zu wenden. Also kann man uns im übertragenen Sinne als Sprachrohr betrachten.

Wir tragen unsere Vorschläge vor und sie nimmt Stellung dazu. Wie diese zu realisieren wären, ob diese vielleicht schon umgesetzt seien, oder wie wir selbst etwas tun könnten. Doch schon bald kommen wir auf das für uns wichtigste Thema zu sprechen. Und zwar die Partizipation von Jugendlichen bei politischen Prozessen. Dass Jugendliche die Chance haben sollten, sich mit ihren neuen Ideen und oder Kritiken in der deutschen Politik mitzumischen.

Leute in unserem Alter diskutieren gerne und gut über aktuelle Themen. Aber wenn man keine Möglichkeit geboten bekommt, seine Ideen vorzutragen und eventuell umzusetzen, ist es einleuchtend, dass sich das Interesse verliert. Es ist also notwendig, dass Jugendlichen die Möglichkeit geboten wird, im eigenen Land mit zu bestimmen. Um das zu erreichen, wollen wir ein Jugendparlament ins Leben rufen, in welchem jeder Jugendliche (seiner Altersgruppe angepasst) die Möglichkeit hat, seine Meinung frei zu äußern und regelmäßig im Plenum in Anwesenheit von Politikern angehört zu werden und miteinander zu diskutieren.

Frau Merkel ist angetan von dieser Idee und verweist uns an Herrn Lammert, den Bundestagspräsidenten, welcher uns bei dem Thema Jugendparlament weiter helfen könnte. Ziemlich überrascht waren wir vor allem, dass sie doch ziemlich natürlich wirkt und sich wirklich für die Belange von Jungendlichen zu intressieren scheint. Nach ca. einer halben Stunde, wünscht sie uns viel Erfolg für weitere Taten und lässt uns mit ihren Beratern allein, mit denen wir nochmal einige unserer Ideen intensiver besprechen. Das hilft uns, unsere Überlegungen nochmal zu präzisieren und  Einzelheiten zu verbessern. Da Politiker - wie man weiß - stets beschäftigt sind, endet dieses Gespräch bereits nach 20 Minuten. Wir sind allein. Die Anspannung fällt von uns allen ab. Das Gespräch ist sehr gut gelaufen, besser als wir es uns vorgestellt hatten. Wir sind noch etwas aufgekratzt und springen uns erstmal gegenseitig in die Arme. Wow. Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben und schauen motiviert auf das, was noch kommen wird.

Jasmin Astaki-Bardeh und Julika Prantner-Weber, J8-Team

Dieser Beitrag wurde am Tuesday, den 27. January 2009 um 11:16 Uhr veröffentlicht und unter der Kategorie Junior8, JuniorBotschafter angelegt. Die Kommentare zu diesen Beitrag können durch den RSS 2.0 Feed verfolgt werden.

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