Seifenblasenträume…

In Japan feiert man am 7. Juli Tanabata, den Tag, an dem Träume in Erfüllung gehen. Liebende finden zu einander und die Herrscher des Universums gewähren uns an diesem Fest den einen oder anderen Herzenswunsch. Man schreibt seine Hoffnungen, Sehnsüchte und Träume auf eine Karte und hängt sie an einen Bambusbaum, um so Gehör zu finden vor den Sternen.

‘TO BE HEARD’, stand auf dem Schild das Julika geschrieben hatte und das vor meiner Nase am großen Bambusbaum hin und her schaukelte, als ich in der Empfangshalle stand, in der wir die Regierungschef treffen sollten. Gehört werden, gehört werden! Ein Wunsch der so weit entfernt schien wie noch nie…In wenigen Minuten sollten wir den G8 Regierungschefs gegenüber stehen und seltsamerweise war ich in diesem Moment nicht mehr nervös oder aufgeregt. Natürlich war es von Anfang an klar gewesen, dass wir dieses Jahr nur sehr wenig Zeit haben würden, unsere Forderungen zu stellen und unsere Empfehlungen zu geben. Als wir jedoch das Hotel der Acht erreichten, wurde uns allen mit einem Schlag, die traurige Wahrheit hinter all den netten Worten bewusst. Das war nicht leicht zu verkraften, es war ein Schock.

Wir sollten keine Zeit haben mit den G8 zu sprechen. Das Protokoll sah nur ein gemeinsames Photo vor. Danach sollten wir zurück in den Warteraum gebracht werden. Wir hatten niemanden vom Unicef Team bei uns. Wir saßen abgeschottet und von Security und Zeremoniemeistern achtsam bewacht in einem kleinen Raum auf einem Berg, als uns mitgeteilt wurde, es handele sich um ein Missverständnis zwischen der Regierung und Unicef. Kurzfristige Änderung des Protokolls: Oohnli Fotto, no time for discussen! Man hatte uns, um es altmodisch auszudrücken, an der Nase herum geführt. Shiro sollte nur unsere Deklaration übergeben, mehr nicht. Er hatte mit Ravi, eine kurze aber aussagekräftige Rede geprobt aber non, no oohnli one sentence, one shot sentence! Man hätte unsere Deklaration genauso gut mit Füssen treten können. Der Effekt wäre der gleiche gewesen. Ein mehr oder minder hübsches Familienphoto für das Album der Nation! Als nächstes bekamen wir einen vierseitigen Plan ausgeteilt, auf dem genausten aufgezeichnet war, wie wir würden stehen müssen, in welcher Reihenfolge. Wie wir uns von einem Punkt zum anderen zu bewegen hatten, etc., etc. Dann haben wir tatsächlich eine Stunde lang geübt in einer absolut geraden Linie zu stehen. Die Stimmung war auf ihrem Tiefpunkt angelangt. Dann wurden wir zurück in den Warteraum gebracht. Habt ihr jemals eines dieser alten Schlösser besichtigt? Ja. Dann kennt ihr sicher diese versteckten Türen, die kunstvoll in die Wände und Möbel integriert sind und hinter denen sich die Dienstbotengänge befinden. Zugige, enge Korridore denen jegliche Pracht fehlt, schmale Stiegen hinter den Tapeten festlicher Hallen. Die japanische Regierung hat Geschichte für uns lebendig gemacht. Ein kleiner, stickiger Warteraum für die jungen Menschen. Ein größerer, weniger stickigerer Warteraum für die bereits zu ihrer vollen Größe erwachsenen Mitmenschen. Es war sehr freundlich von den Protokollmeistern uns während den Stunden des Wartens einen Becher mit Leitungswasser, an seinem typischen Chlorgeschmack leicht als solche zu identifizieren, zuzugestehen. Danach wurden wir zu dem Balkon geführt, auf dem wir nach dem Treffen mit den G8 warten sollten, um einer traditionellen japanischen Tanzshow beizuwohnen. Als ich einmal das Brühler Schloss besichtigte, erzählte mir die Führung im Speisesaal, die Balustrade dort wäre eigens für den Zweck erbaut worden, dass ausgewählte Repräsentanten des Volkes den Mächtigen des Landes von oben beim Essen hätten zuschauen können. Praktisch seien diese Balkone deswegen gewesen, weil das niedere Bürgertum den Adel so nicht hatte stören können. Ich persönlich interessiere mich für Geschichte. Man kann sich leicht meine Verzückung beim Angesicht eben solch eines feinen Balkonchens vorstellen. Als man uns dann auch noch erklärte, dass wäre der Ort, an dem wir nach dem Photo unseren Platz hätten, war ein Teil von mir sehr, sehr glücklich. Schließlich ist es wichtig Vergangenes für junge Menschen greifbar zu machen, den nur so ist es ihnen möglich den Lauf der Dinge heute zu verstehen. Dann konnten wir nur noch warten und warten und warten..! In den letzten Minuten zog sich die Zeit, wie Kaugummi. Wir standen nebeneinander, in der so oft geprobten Reihenfolge und traten von einem Bein aufs andere. TO BE HEARD! Das Bambusschild schaukelte vor meiner Nase. Gehört werden! Dann kamen der japanische Präsident und seine Gattin, die Treppe hinunter und nahmen ihre Position ein. Ich hielt Ausschau nach Frau Merkel. Ich sah sie nicht. Andere Staatschefs stießen hinzu. Keine Spur von der Kanzlerin. Die ersten G8 leaders hatten uns entdeckt und bewegten sich auf uns zu. Mr. Barroso, Brown, Harper und Berlusconi.’ Nice to meet you! Nice to meet you, too!’. Händeschütteln. Die Reaktion der Grossen war unterschiedlich. Manch einer schüttelte erst einmal nur förmlich die Hände und sah etwas ratlos aus, was er fragen, sagen sollte. ‘Where are you come from?’, ‘Well, how old are you?’ Manch anderer wirkte ausgesprochen interessiert.

Ich war sehr beeindruckt vom britischen Prime Minister, der sich bestens mit unserer Declaration auszukennen schien und uns alle direkt ganz konkret auf spezielle Punkte ansprach. Meine Laune besserte sich. Anscheinend hatten wir doch die Chance, wenn auch informal die Empfehlungen und Wünsche unserer J8 Community an die Regierungschefs weiter zugeben.

Dann kam Frau Merkel. Erst einmal übersah sie mich. Durch den freundlichen Hinweis von Mr. Harper wurde sie meiner dann doch noch gewahr. ‘Sie sind also die Deutsche Vertreterin! Schön!’, dann ging sie weiter und ich war erst einmal verzweifelt. Ich hatte es verpatzt. Was hatte ich anders machen können? Der Moment für das Gruppenphoto war gekommen. Ich versuchte mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aber das war gar nicht so leicht. Überall Blitzlicht und wichtige Menschen und dann stehst du da, die Bundeskanzlerin in deinem Rücken und musst den Übergang finden, wie du taktvoll von japanischen Essen auf Klimawandel und Youth Involvement kommst. Schließlich unterhielten wir uns kurz über die Ernährungskrise und die Rolle der Entwicklungsländer beim Junior8 Gipfel. Wir waren gerade bei dem Punkt der Einbeziehung Jugendlicher in globalen Fragen angelangt, als die Zeremoniemeister nervös um uns herum tanzten und uns aufforderten, endlich der Tanzshow beizuwohnen. Eigentlich hätten wir nun auf unseren historischen Balkon gehen sollen und das Spektakel aus der Ferne betrachten. Glücklicherweise waren die Regierungschefs nicht in dem Masse an das Protokoll gebunden, wie wir Normalsterbliche. Einige der Politiker nahmen ihre Delegierten einfach mit auf die Terrasse. Die anderen folgten dem Beispiel.

Dann hatte ich ein Erlebnis der 3. Art. Die Bundeskanzlerin war plötzlich im Gewühl verschwunden. So fand ich mich auf einmal neben einem ältern Herrn mit einem Plastikregenschirm wieder. Ich brauchte einen Moment um zu realisieren, dass es sich um George W. Bush handelte. Es begann zu regnen. Dann trat er näher auf mich zu, spannte mit einer eleganten Bewegung den Schirm auf und fragte mich, ob ich ihm Gesellschaft leisten wolle. Dann hielt er mir seinen Regenschirm über. Das war seltsam, dass war wirklich sehr seltsam. Wir hielten Smalltalk über Feuerwerke bei Nebel und er machte einen Witz über die Show. Ich war die ganze Zeit etwas unglücklich, weil ich das Gefühl hatte, meiner eigenen Kanzlerin, die Inhalte nicht vermittelt zu haben, über die ich so gerne gesprochen hätte.

Als die Tanzshow also zu Ende war, machte ich mich erneut auf die Suche nach ihr. Ich entdeckte sie und nahm allen Mut zusammen den ich noch hatte und sprach sie direkt darauf an, dass wir nur sehr wenig über die G8/J8 Themen gesprochen hatten und dass wir, das Deutsche J8 Team es begrüßen würde mit ihr im Kontakt zu bleiben und tiefer in die Thematik einzusteigen. Sie lächelte mich an und sagte einfach: “Ja, das halte ich auch für sehr sinnvoll. Setzten sie sich mit meinem Büro in Verbindung. Ich würde Sie und das gesamte deutsche Team gern noch mal sehen und mir ihre Vorschläge anhören. Wenn das aus Zeitgründen nicht möglich sein sollte, werden sie die Möglichkeit bekommen, mit einem der Minister zu sprechen.” Dann packte mich jemand vom japanischen Zermonie-Team sanft am Ärmel und zog mich weg. Das Treffen mit den G8 ist für mich nicht als das Ende des Junior8 Gipfels, vielleicht noch nicht mal als der Höhepunkt zu sehen, sondern als ein Anfang…

von Nora Zech

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, den 30. Juli 2008 um 13:13 Uhr veröffentlicht und unter der Kategorie Junior8 angelegt. Die Kommentare zu diesen Beitrag können durch den RSS 2.0 Feed verfolgt werden.

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