Von Klimawandel bis Happy Land

Die Nacht war nur zwei Stunden kurz. Bis 23 Uhr haben die Jugendlichen diskutiert, an ihren Praesentationen gearbeitet oder Mails an ihre Familien geschrieben, um die vielen Erlebnisse zu verarbeiten. Bis 23 Uhr haben auch meine franzoesische UNICEF-Kollegin und Zimmernachbarin und ich mit unseren Schuetzlingen gesprochen, Erfahrungen ausgetauscht und Mails bearbeitet. Um 1 Uhr morgens japanischer Zeit bin ich ploetzlich wieder hellwach: An die Zeitumstellung bin ich einfach noch nicht ganz gewoehnt. Wenig spaeter verraten mir laute Stimmen aus dem Nachbarzimmer, dass Julika, Jasmin und Nora das gleiche Problem haben. Der Jetlag und dazu die vielen Eindruecke und Begegnungen des Tages - an Ruhe ist dabei einfach nicht zu denken. Von ihren ersten Arbeitstreffen waren die drei Maedchen im Grossen und Ganzen begeistert, auch wenn die Sprache fuer sie - noch - ein Problem ist. Englische Muttersprachler aus Grossbritannien (Wales), den USA und Kanada haben die Diskussionen anfangs dominiert, weil sie die Ideen, die die anderen auch hatten, einfach schneller in Worte fassen konnten. Alex hat damit weniger Probleme, weil er gerade von einem einjaehrigen USA-Aufenthalt zurueck gekommen und daher im Englischen besser geuebt ist.

Trotz der unterschiedlichen Sprachen und Kulturen ist es dafuer eigentlich erstaunlich, wie problemlos sich die Jugendlichen untereinander verstehen und wie aehnlich im Grunde genommen ihre Vorstellungen und Forderungen sind.

Der erste volle Arbeitstag im Chitose Citizen’s Centre - heutiges Thema: Klimawandel.Heute ist der erste volle Arbeitstag am Tagungsort, dem Chitose Citizen’s Centre. Den ganzen Tag steht das Thema Klimawandel auf der Agenda. Zur Praesentation durch die Gruppe, die das Thema vorbereitet hat, duerfen wir Chaperones noch anwesend sein und nehmen still unsere Plaetze hinten bei den Kabinen der Simultan-Dolmetscher ein. Danach, als die Diskussion beginnt, werden wir vom Moderator freundlich “eingeladen”, den Raum zu verlassen.

Ein amerikanischer Chaperone und ich nutzen die unerwartete Pause, um zum ersten Mal einen Ausflug in die nähere Umgebung zu machen und einen Blick auf die Stadt Chitose zu werfen. Chitose muss man nicht gesehen haben; um ehrlich zu sein, habe ich noch selten so einen trostlosen Ort gesehen wie diesen. Zum Glück bestätigen alle japanischen Kollegen, dass der Ort nicht repräsentativ für Japan ist. Zu dem Eindruck der Trostlosigkeit hat mit Sicherheit das trübe Wetter beigetragen. Jedenfalls reihen sich graue Betonbauten unterschiedlicher Höhe aneinander, und die Abgase auf der lauten Straße sind bestimmt nicht im Sinne unserer J8-Teilnehmer, die zu gleicher Zeit über Umweltschutz und Klimawandel diskutieren.

Gewöhnungsbedürftig für uns Europäer: Das verstehen manche Japaner unter “Happy Land” …Bei so viel grau in grau sind wir besonders neugierig, was sich hinter der Tür verbirgt, über der neben unverständlichen japanischen Schriftzeichen die buntgemalten englischen Worte “Happy Land” stehen. Doch die Tore zum Happy Land scheinen für uns verschlossen zu sein, denn weder mit Schieben, Drücken noch Ziehen lässt sich die Tür öffnen. Es dauert eine Weile bis wir verstehen, dass man mit der Hand einen Sensor in Augenhöhe berühren muss. Die Tür öffnet sich - und wir wären fast rückwärts wieder rausgegangen, denn wir wurden empfangen von tösendem Lärm und stickigem Zigarettenrauch. Das Freizeitvergnügen von einigen hundert Japanern, die eng nebeneinander in Reihen sitzen und an Flipper-artigen Spielmaschinen mit - den Lärm verursachenden - Kugeln spielen, entspricht so gar nicht unserer europäischen oder amerikanischen Vorstellung von einem Happy Land.

Keine vage Vorstellung von einem Happy Land oder Happy Planet, sondern sehr konkrete Vorstellungen, welche Schritte zum Umweltschutz und gegen den Klimawandel einzuleiten sind, diskutieren derweil die 39 Jugendlichen des J8. Sie können sehr stolz auf sich sein: Am Ende des langen und harten Arbeitstages haben sie eine Reihe von Thesen und Forderungen zusammengetragen, für die alle gemeinsam einstehen. Als ersten Entwurf fließen sie in die Resolution, die sie am 7.7. den Politikern vortragen werden.

Doch damit ist der Tag noch lange nicht vorbei: Nach dem Abendessen tragen alle Länderteams und Jugendliche aus den Nicht-G8-Staaten einen Beitrag zum kulturellen Abend vor. Und auch jetzt um 23 Uhr ist für einige die Arbeit noch nicht getan: Sie feilen noch an ihren morgigen Präsentationen zum Thema Armut und Entwicklung. Der Elan, die Begeisterung und die Ernsthaftigkeit, mit der die J8ler bei der Arbeit sind, ist wirklich bewundernswert.

Die Stadt Chitose hat nicht gegeizt mit Beschilderungen und Hinweisen auf den J8-Gipfel.Ein riesengroßes Lob an die Stadt Chitose muss ich zum Abschluss doch noch machen: Die ganze Stadt und die Region unterstützen den Gipfel nicht nur finanziell und logistisch mit zahlreichen Freiwilligen. Alle Wege sind auch gepflastert mit Hinweisen auf den J8-Gipfel, die auch die Jugendlichen auf ihren Busfahrten vom Hotel zum Tagungscenter und zurück überall gut sehen können. Es ist schön zu sehen, welch hohen Stellenwert und welche Wertschätzung der Gipfel und das Engagement der Jugendlichen hier in Japan erfährt.

Ninja Klein
PR-Redakteurin UNICEF

Dieser Beitrag wurde am Thursday, den 3. July 2008 um 16:15 Uhr veröffentlicht und unter der Kategorie Junior8 angelegt. Die Kommentare zu diesen Beitrag können durch den RSS 2.0 Feed verfolgt werden.

Einen Kommentar schreiben